Eigentlich bin ich ganz anders, komme nur so selten dazu

Neulich im Zug: Ein Reisender telefoniert seit drei Minuten, die Stimme gemäßigt. In der Sitzreihe vor ihm eine Dame mit Strohhut (und Kunststoffblume), Keilabsatzschuhen aus Bast, mittleres Alter. Sie dreht sich empört um und weist den Mann zurecht. Er solle sich schämen und sich mit seinem Telefon wegmachen. Eine Antwort seinerseits wird quittiert nicht von der Strohhutträgerin, sondern aus der Reihe links: „Sie treiben das hier zu weit, das lassen wir (sic!) uns nicht länger bieten“. Da wusste ich, wer der Wutbürger ist. 

Der deutsche Wutbürger hat häufig das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und man ihm Unrecht tut.  Er muss Grenzen verteidigen, die irgendjemand, irgendwie, immer überschreitet. Das manifestiert sich in vielen Gelegenheiten, die eigentlich fortlaufend eintreten. Der Wutbürger liest in der Zeitung, dass die Griechen wieder mehr Schulden machen wollen und den Fiskalpakt brechen. Das verunsichert ihn. Der Tarifstreit im öffentlichen Dienst bringt 6,3% mehr Lohn für die Beschäftigten. Das ist normal. Auch, dass wir hierzulande eine Arbeitslosenrate von 5,6% haben und andernorts in Europa zweistellig überschritten wird, erleichtert ihn nicht. Im globalen Maßstab gesehen lebt er wie im Garten Eden, aber er sieht ihn nicht und kann seine Schönheit nicht anerkennend genießen. Denn der Garten Eden wird durch Bahnhöfe, Windräder und kostenlos logierende Repräsentanten verschandelt. Was für ein Jammer.

Bei näherem Überlegen komme ich dann zu dem Ergebnis: Eigentlich ist der Deutsche ganz anders, er kommt nur so selten dazu. In ihm steckt eine unbändige Fröhlichkeit, er lehnt rechten Terror ab und feiert gern. Er ist ein Hybrid aus Oliver Pocher und Michel Friedman. Irgendwie ist er nie ganz er selbst, weil er von ruhig auf wild schalten kann und zwischen den beiden Polen hin und her oszilliert. Und da er gerne reist, ist er ohnehin immer jemand anderes. Urlaubend in Griechenland verwandelt er sich in DEN Griechen und kann griechischer sein, als es jedem Griechen einfallen würde. Das macht mir manchmal Angst. Diese chamäleonhafte Art, mit der Umgebung zu verschmelzen. Aber das Unbehagen weicht dann wieder, wenn ich in der Bahn sitze.

Ein ganz uneigentliches Gericht ist die Linsensuppe. Kommt urdeutsch dröge daher und ist dabei doch eine Delikatesse. Aufgepeppt mit einer italienischen Salsiccia und Aceto Balsamico (willkommen im Urlaub) dreht sie auf und tanzt plötzlich Pirouetten:

Hybrid-Linsensuppe

2 Personen

  • 250 g Gourmetlinsen von Rapunzel
  • 100 g durchwachsener Speck
  • 3 Fenchelsalsicce
  • 2 Karotten
  • Stangensellerie (1/4 Staude)
  • 2 Knoblauchzehen
  • 1 Lorbeerblatt
  • Thymian (frisch)
  • Salz, Pfeffer

Linsen über Nacht einweichen. Den Speck in Olivenöl anbraten. Karotten, Sellerie, Knoblauch kleinschneiden und hinzugeben. Die abgetropften Linsen zusammen mit einem Liter Gemüsebrühe hinzufügen, dann die Kräuter. Circa 45 Minuten kochen, bis alles weich ist aber nicht matschig. Salsicce in Scheiben schneiden und 10 Minuten vor Schluss mitkochen. Am Ende einen gehörigen Schwung Aceto Balsamico verpassen.

Kunst ist keine Open Source Anwendung

Achtung: Hier folgt der x-te Text zum Thema „Urheberrecht“ und obacht: Er verteidigt den Urheber als Eigentümer seiner kreativen Erzeugnisse – und das in einem Blog, dem Inbegriff lizenzfrei verbreiteter Inhalte. Habe ich je behauptet, widerspruchsfrei zu sein? Übrigens werde ich den Namen „Piraten“ im gesamten Text nur einmal nennen, was gerade geschehen ist und dann zu Argumenten übergehen. Sie sind insgesamt die Summe fünfminütigen Nachdenkens.  Nicht, dass ich mir zugute halte, meinen Grips angewendet zu haben aber das ist eben doch viel Zeit in unserer schnelllebigen, von digitaler Hast geprägten, Ära.

Kunst ist die Manifestation des Subjektes/Autors/Urhebers. Dessen Erzeugnisse sind sein geistiges Eigentum über das nur er allein verfügen sollte. In einer materialistischen Welt, in der selbstverständlich zwischen „mein“ und „dein“ unterschieden wird, muss auch das Virtuelle, der Gedanke in Schrift und Notenform, einen „Wert“ haben, denn sonst sind wir Barbaren oder Mittelalter. Thomas Assheuer zitiert in seinem brillanten ZEIT-Artikel (3. Mai) die italienische Soziologin Elena Esposito. Sie stellt die kluge These auf, dass die Verleugnung der Urheberschaft einen Rückfall ins Mittelalter darstellt. In eine Zeit, in der die Bibel von unzähligen anonymen Kommentatoren und Scriptoren ausgelegt wurde. Das göttliche Wort kannte nur einen Urheber, Gott selbst. Die das Göttliche schriftlich auslegenden Klostergeistlichen bedienten sich nur einer unerschöpflichen Quelle, ihre individuelle Eigenleistung schien demgegenüber marginal. Sind wir heute wieder im Mittelalter angelangt? Verstehen wir nicht mehr, was einen Wert darstellt jenseits von Ideenschnipseln, die noch lange keine Kunst sind? Natürlich können wir wild im Internet einzelne Textfragmente suchen und daraus einen neuen „Mann ohne Eigenschaften“ zusammenlöten. Können wir das? Oder ein paar Sounds zusammenstellen und daraus einen Song á la Penny Lane basteln. Geht klar? Nee, ist eine hirnrissige Annahme. Die Bewunderung künstlicher (virtueller) Welten – als Roman, Gedicht oder Sinfonie – ist eine Kulturleistung. Wir sollten nicht dahinter zurückfallen, sollten Autoren schätzen lernen, sie für das bezahlen, was sie leisten und uns still darüber freuen, dass manch einer etwas hervorbringen kann, wozu kein Schwarm in der Lage ist. Und das ist eben nun einmal etwas ganz anderes als eine unbezweifelbar tolle Open Source Software. Wer aber würde allen Ernstes behaupten, er könne an den Quellcode von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ herankommen und daraus im Social Web ein neues Streichquartett komponieren?

Gänzlich frei von Urheberrechten sind meines Wissens Kochrezepte. Und das ist in diesem Fall gut so. Daher gibt es heute das Open Source-Gericht schlechthin: Pasta. Nichts wurde jemals so häufig verfremdet, weiterentwickelt, dekomponiert und rekombiniert wie die guten alten Nudeln.

Rezept für eine schwarmintelligente Pasta, von der ich nicht weiß, wer daran mitgewirkt hat, um genau diese Zusammenstellung wahnwitzig gut schmecken zu lassen:

Pasta mit Speck und Salbei
2 Personen

  • Olivenöl
  • 3 große Zwiebeln in Scheiben geschnitten
  • Eine Hand voll Salbei
  • 150 Gramm durchwachsener Speck
  • viel Knoblauch
  • einen guten Schwung Marsala
  • geriebener Parmesan
  • Pfeffer, wenig Salz
  • Pasta (Penne oder Tortiglioni)

Salbei in Olivenöl anbraten bis sie etwas knusprig sind, aus der Pfanne nehmen und warmhalten. Zwiebeln, Speck und Knoblauch anbraten, mit Marsala ablöschen und dünsten (die Zwiebeln sollten noch etwas Biss haben). Gegebenenfalls mit etwas Nudelkochwasser anreichern. Mit viel Parmesan servieren.

Mahlzeit Herr Bernhard!

Über Thomas Bernhard ist schon alles geschrieben worden und alles ist ausgedeutet. Ich bin auch kein Bernhard-Kenner. Seinen Briefwechsel mit Verlegerikone Siegfried Unseld habe ich allerdings neulich verschlungen. Was mich unter anderem fesselte war der Umstand, dass Bernhard, wenn er nicht gerade unermüdlich schrieb, ein absoluter Genießer vor dem Herrn war. Woher kommt das? Oder nehmen wir Fritz Raddatz, den mittlerweile betagten, polarisierenden Literaturkritiker. Bei der Lektüre seiner autobiographischen Schriften gewinnt man den Eindruck, dass er sich zwischen seinen zersetzenden Literaturkritiken und seinen ewigen Streits mit Verlegern, Herausgebern und Schriftstellern stets hemmungslosen Gelagen hingegeben hat. Woher kommt das Abspalten, Zersetzen, Differenzieren und Distanzieren auf der einen Seite und das Vereinnahmen, Einfügen und Einverleiben auf der anderen?

Manchmal glaube ich, dass solche Beispiele im Extrem zeigen, wie wir alle sind. Isoliert und dann wieder Schwarm. Entgrenzt und Grenzen ziehend. Ozeanisch in einer Umarmung und dann wieder hupend an der roten Ampel den vorderen Fahrer dizzen, weil er auf der Leitung steht. Irre Welt.

Rezept für eine simple und garantiert entgrenzende Mahlzeit:

Gedämpfter Lachs mit Süßkartoffeln, die in Erinnerung bleiben werden

2 Personen

  • Biolachs für zwei (frisch und nach nix riechend)
  • Ingwer (fein geraspelt, ca. einen Teelöffel voll)
  • Bestes Olivenöl (da hatte ich schon viele Streitgespräche und bin immer noch der Meinung, dass es am besten ist, wenn es gaanz leicht bitter schmeckt)
  • 2 Süßkartoffeln (gedämpft)
  • Chilisauce
  • Rote Zwiebeln (angeschmort)
  • Frischer Koriander
  • Limettensaft

Lachs mit Ingwer bestreichen und dämpfen und zwar con calma – langsam! Das Wasser darf maximal simmern, sobald er durch ist und anfängt, Eiweiß zu verlieren: runter vom Feuer. Auf einem Teller anrichten und fertig (Lachs braucht kein Öl und angebraten schmeckt er nur fettig, erst durchs Dämpfen bringt er sein ganzes Aroma zur Geltung.)

Süßkartoffeln aufschneiden und auf einem Teller anrichten, leicht mit Olivenöl, dann mit Chilisauce und etwas Limettensaft begießen, salzen und zum Schluss mit Zwiebeln und frischem Koriander bestreuen. Lauwarm essen.